Nous Sommes Charlie

Nur gemeinsam sind wir Charlie Hebdo

Via #JeSuisCharlie, Französisch für „Ich bin Charlie [Hebdo]“, machte Mittwoch, Tag einer Tragödie in Mitten von Paris, Solidarität und Anteilnahme die Runde der sozialen Netzwerke. Zu Recht : 12 Menschen sind bei einem Anschlag auf die Satire-Zeitung Charlie Hebdo gestorben, darunter Ikonen des Blattes und zwei Polizisten, die eben diese beschützten. Es wurden Künstler getroffen, die sich für Rede- und Gedankenfreiheit einsetz(t)en. 

Frankreich befindet sich im Schockzustand ; Tausende gingen in Frankreich und in der ganzen Welt auf die Straße und hielten Wache für die Verstorbenen. „Je suis Charlie“ hieß es auch dort auf vielen Plakaten.

In Zeitungsredaktionen, Fernsehanstalten, Nachrichtenagenturen, Radiostationen wurden Schweigeminuten abgehalten. „Je suis Charlie“ auch dort – in weißer Schrift auf vielen hastig ausgedruckten schwarzen Blättern Papier.

Bei Charlie Hebdo verschimmt die Grenze zwischen Künstler und Journalist. Die Zeichnungen von Charlie Hebdo haben schon immer für Aufsehen, für Unmut, Jubel und öffentliche Verurteilung gesorgt. Dennoch wurden sie veröffentlicht – im Namen der Presse- und Redefreiheit ; im Namen der Freiheit, Dinge zu sagen, zu schreiben und zu zeichnen, die nicht allen gefallen. Kaum eine Religion wurde verschont. Charlie ist ein Symbol, ein Aufschrei für das, was das Rückgrat einer Demokratie ist : eine frei denkende Presse.

Die Grenze zwischen Freiheit, Provokation und schlechtem Geschmack wird bei Satire besonders unscharf. Viele Zeitschriften dieser Welt entschieden sich gegen die Veröffentlichung von islamkritischen Karikaturen und beriefen sich auf die generelle Richtlinie, keine Texte oder Werke zu veröffentlichen, die offensichtlich dazu bestimmt sind, religiöse Werte zu verletzten. Andere wiederum riefen dazu auf, gerade jetzt, angesichts der unfassbaren Tragödie, eben diese Karikaturen zu veröffentlichen.

Auch liegt angesichts der offensichtlichen Bedrohung die Selbstzensur sehr nahe. Rechtfertigen abstrakte Prinzipien der Rede-, Gedanken- und Pressefreiheit, dass sich eine Redaktion der Gefahr von Anschlägen aussetzt ? An den Anschlägen wird deutlich, dass die Gefahr sehr real ist ; aber auch, dass die Prinzipien nicht so abstrakt sind, wie sie scheinen.

Pressefreiheit kann sehr einfach verschwinden

Tagtäglich machen tausende Journalisten europaweit und auf der ganzen Welt ihre Arbeit. Viele von ihnen leben gefährlich : Sie berichten etwa über die Kampfhandlungen in Syrien, über Drogenguerilla in Mexiko, über Korruption in China. Nun leben wir in einer Zeit, in der auch Künstler, Zeichner, Karikaturisten, Journalisten im Herzen von Paris angegriffen und für die Ausübung ihrer tagtäglichen Aufgaben kaltblütig ermordet werden.

Als Journalist beginnt man in diesen Augenblicken zu zweifeln – am Wert dieser Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat ; zu zweifeln, auch, am Sinn seiner Arbeit.

In Frankreich und in der ganzen Welt gingen Zigtausende auf die Straße, um für eine freie Presse zu demonstrieren, und das nur Tage nachdem in Deutschland Tausende gegen den Islam auf die Straße gingen, Interviews verweigerten, Journalisten als „Lügenpresse“ beschimpften, Reporter angriffen und schlugen. In Berlin etwa ging eine ältere Dame auf ein ZDF-Team los ; in Dresden Demonstranten auf einen BBC Kameramann. In Frankreich veröffentlichte Michel Houellebecq seinen kontroversiellen Roman *Soumission*, in dem Frankreich 2022 von einer muslimischen Partei regiert wird. In vielen Ländern Europas erreichten ausländerfeindliche Parteien Rekordzahlen.

Deutsche Demonstranten und europäische Parteien sind in keinster Weise mit islamistischen Terroristen gleichzusetzen. Dennoch : Pressefreiheit darf nicht zur Diskussion stehen. Jede Berufsgruppe macht Fehler ; überall gibt es die Möglichkeit für Verbesserung ; doch die Angriffe auf Charlie Hebdo haben gezeigt, wie wichtig diese, oftmals zu unrecht für selbstverständlich gehaltene, Freiheit ist und wie einfach sie verschwinden kann.

Meinung zu veröffentlichen und zu verbreiten liegt auch im Grünungsgedanken von VoxEurop ; die eine oder andere Karikatur von Charlie Hebdo fand sich auch auf dieser Website wieder.

Gefahren eines Solidaritätsaufruf

Es ist zu hoffen, dass die Presse gestärkt aus der Tragödie hervorgehen wird. Die ersten Anzeichen davon in Frankreich waren vielversprechend : *Le Monde*, *France Télévisions* und *Radio France* haben *Charlie Hebdo* ihre Unterstützung zugesagt. Die Satirezeitung wird nächsten Mittwoch erscheinen – mit 1 Million Auflage und finanzieller und logistischer Unterstützung andere Medienhäuser.

Die Frage bleibt jedoch, wie lange diese Schockstarre der nationalen Einheit erhalten bleiben wird. In der Nacht nach dem Attentat wurden mehrere muslimische Kultusorte, darunter Moscheen, mit Sprengsätzen und Handfeuerwaffen angegriffen. Es gab keine Toten oder Verletzten, jedoch auch keinen nationalen Aufschrei. Obwohl selbst Marine Le Pen dazu aufgerufen hat, klar zwischen Religion und Fanatismus zu unterscheiden, könnten durch die Ereignisse von Mittwoch in einer schon gespaltenen französischen Gesellschaft noch tiefere Gräben entstehen.

„Nous sommes tous Charlie“ ist ein Aufruf für Rede-, Gedanken- und Pressefreiheit ; ein Aufruf für Toleranz und Gerechtigkeit ; ein Aufschrei gegen fundamentalistische Taten im Namen einer Religion. Sehr schnell könnte dieser Ausruf jedoch kippen und extremen Parteien in die Hände spielen.

Wir alle, und in erster Linie wir Journalisten, sind gemeinsam Charlie, da viele von uns alleine nicht annähernd so viel Kraft und Mut hätten wie die getöteten Zeichner. All jene sind gemeinsam Charlie, die für eine offene, demokratische und freie Gesellschaft eintreten – und eben diese sollten sicherstellen, dass aus dem Hashtag der Solidarität nicht sein Gegenteil wird : eine perfide Ausrede für Hass und Verfolgung.

In Frankreich wurden jene ermordet, die sich für Rede- und Gedankenfreiheit einsetz(t)en. In unseren Gedanken leben die Personen und ihre Werke weiter ; in unseren Taten sollen nun ihre Prinzipien weiterleben.

Eine Version dieses Kommentars erschien auf VoxEurop.eu/de.